Verehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Künstlerkollegen,

 

herzlichen Dank für Ihre – für Eure – geschätzte Anwesenheit bei diesem Treffen. Mit besonderer Freude und Dankbarkeit weiß ich die Ehre zu schätzen, in dieser erlauchten Runde begrüßen zu dürfen.

 

Wir haben Sie heute hierher eingeladen, um Ihnen das Projekt des Vereins „Prager Haus“ vorzustellen. Damit wollen wir eine Brücke zwischen den zwei Städten Prag und Nürnberg schlagen, die an die uralte europäische – wenn auch leider immer wieder unterbrochene – Tradition eines sehr fruchtbaren kulturellen Austausches anknüpft.

 

Es bedarf keiner sprudelnden Fantasie, um zu spüren, dass das Projekt Verein „Prager Haus“ ein sehr anspruchsvolles Ansinnen darstellt. Doch fassen Sie diese Rede bitte nicht als eine Werbeaktion für dieses Projekt auf. Ich wäre töricht, mich darauf beschränken zu wollen!

 

Zugegeben! Ich wünsche mir sehr wohl, das Feuer der Begeisterung für diese Idee in Ihren Herzen, Ihren Seelen und in Ihrem Geist zu entzünden. Doch gleichzeitig will mein kurzer Diskurs unser Augenmerk auch darauf richten, dass auch die Geburt des Vereins „Prager Haus“ sicherlich von Wehen begleitet werden sein wird, dass – auch bei allem Fortschritt und Erfolg – das Leben unserer Gemeinschaft notwendigerweise auch innere und äußere Reibung, unterschiedliche Auffassungen und anderes unvorhersehbares mit sich bringt.

 

Dieser – im Grunde banalen – Erkenntnisse eingedenk, will ich heute gleichzeitig Circe und Cassandra sein, Promoter und Mahner. Denn was wäre fataler, als einen großartigen Entwurf mit untauglichen Mitteln realisieren zu wollen. Vermutlich hat jeder von uns in seinem Leben für diese Erkenntnis schon mal mit barer und bitterer Münze bezahlt. Ersparen wir uns also ein „da capo“ derartiger Abenteuer und versuchen, aus Erfahrung Gelerntes mit der Sehnsucht nach neuen Gestaden zu vermählen.

 

Am Beginn einer jeden Gemeinschaft, die mehr als eine bloß wahllos zusammengewürfelte ist, steht eine Entscheidungssituation. Die gefällte Entscheidung – sofern sie gut, stimmig und zukunftsschwanger ist – gibt dem Kollektiv Gestalt und Leitlinien und Fähigkeit zu Handeln sowie Seins- und Entwicklungsraum.

 

Um eine Entscheidung der erforderlichen Qualität erwirken zu können, müssen sich die hier anwesenden Künstler und Freunde, die wohlwollend wie auch die kritisch Interessierten, einander kennen lernen. Sie müssen die Fähigkeit und den Wille zur gemeinsamen Aktion feststellen und auch die geistige Übereinstimmung hinreichend entwickeln, die zum Entwurf von Zielen als auch zur Bewältigung von Problemen notwendig ist. Zudem muss sichergestellt werden, dass ihre Interessen, Anschauungen und Ziele mehr als nur durch den kleinsten gemeinsamen Nenner verbunden sind.

 

Erst dann und nur dann darf der Beschluss, uns zusammenzutun, gefällt werden. Und dann sollte er auch gefällt werden!

 

Eine solche Übereinkunft hat meist einen feierlichen Charakter, wird bewusst ritualisiert und nicht selten von leiblichen Genüssen begleitet.

 

So wie auch jetzt.

 

Doch wir begehen hier kein Fest. Jedenfalls noch nicht. Vorerst sind wir erst dabei, die Kühnheit und Aussichten unseres Plans, Soll und Haben sowie die Hürden und Perspektiven gegeneinander abzuwägen und entsprechende zielgerichtete Vorgehensweisen zu entwickeln.

 

Dabei ergeben sich auch Fragestellungen, wie etwa diese:

 

Wie viel Gemeinschaftsbildung verträgt der ausgeprägte Individualcharakter künstlerisch Lebender und Arbeitender?

 

Wie stehen Kosten und Nutzen zueinander, die Künstlern und Interessierten aus ihrer Mitwirkung am Werden und an der dauerhaften Teilhabe an einer anspruchsvollen Vereinigung erwachsen, wie es der Verein „Prager Haus“ sein will?

 

Doch mehr noch zählt die Frage, welche Zielsetzungen, welchen Anspruch die Gründungsmitglieder des Vereins „Prager Haus“ erarbeiten und welches Selbstverständnis sie dabei einbringen, respektive ihnen daraus erwächst.

 

Wie und inwieweit kann, darf und soll der künstlerisch Schaffende sich in Leben und Arbeit mit Gleichgesinnten oder auch Andersfühlenden verbinden?

 

Nur wenn der Wunsch, die Nürnberger Kulturlandschaft und die der Stadt Prag lebendig zu liieren und zu bereichern, wenn dieser Wunsch, sich in jedem Beteiligten zum erklärten Willen verdichtet, dann wird die von uns angestrebte neue kulturelle Verbindung zwischen diesen zwei Städten weit mehr sein als nur die Summe aus beiden.

 

Dann wird der Verein „Prager Haus“ auch die Eigendynamik entfalten, deren kreative Neugier und Aufbruchstimmung allerorten mit Faszination vernommen werden und manch andere Städte zum Mitmachen ermutigen.

 

Wir sehen also, welch unermessliches Potential in der Idee „Prager Haus“ liegt. Doch damit dieses Latente zur lebendigen Realität heranreifen kann, muss sich zu unserem Wollen auch noch etwas gesellen, was oftmals nicht so leicht zu bewerkstelligen ist: Disziplin und die Bereitschaft, auch mit negativen Erfahrungen tolerant, lernend und kreativ umzugehen.

 

Verehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Künstlerkollegen, bei aller Zuneigung und Wertschätzung die ich für Sie – für Euch – hege, muss ich daran erinnern, dass künstlerisches Schaffen Tradition und soziales Umfeld braucht. Doch der Entstehungs-Prozess eines Kunstwerks selbst vollzieht sich meist auf einer hochgradig individuellen Ebene. Darum müssen wir in unserem „Prager Haus“ stets darauf achten, dass diese beiden Polaritäten nicht in Konflikt geraten. Ein Blick zurück in die Geschichte vieler bekannter Künstlergruppen illustriert diese Problematik zum Teil sehr plastisch.

 

Doch genug jetzt der mahnenden Worte! Aussprechen musste ich sie, weil in meinem Herzen die Sorge brennt, dass aus der großen Begeisterung für das „Prager Haus“, die uns Initiatoren erfüllt, vielleicht gar die größte Gefahr für dieses Projekt erwachsen könnte.

 

Wenden wir uns dem Konstruktiven zu: Seit jeher stehen Prag und Nürnberg für höchstes kulturelles Niveau, das nur durch die Interaktion zwischen diesen beiden Städten übertroffen wurde. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs liegt in der Begegnung der zwei ungleichen Schwestern ein unschätzbares Potential an Entwicklung und Bereicherung. Dies gilt nicht nur im kulturellen Bereich sondern auch in sozialer, wissenschaftlicher, touristischer, sportlicher, wirtschaftlicher, politischer und manch anderer Hinsicht.

 

Da unser „Prager Haus“ alles andere als ein „Elfenbeinerner Turm“ sein will, kann und wird es in dem Brückenschlag zwischen den beiden Städten eine bedeutende Rolle spielen. Das erfordert das Zusammenspiel von Künstlern, Kulturschaffenden aller Couleur, interessierten Personen und Gruppen, Organisationen, Institutionen, von Vertretern der Medien, Kirchen und geistig offenen Glaubensgemeinschaften wie auch der Politik.

 

Kurzum: Von allen, „die guten Willens sind“. Und ich freue mich, dass nicht wenige der soeben genannten sich hier und jetzt unter uns befinden.

 

Seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ hat sich in den Köpfen und Herzen der Menschen vieles verändert. Heute würde niemand mehr Stalins dumme Frage stellen „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ Für uns gilt vielmehr Victor Hugos Postulat: „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

 

Setzen wir darum auf unsere große Idee! Ihre Zeit ist da!

 

Schauen Sie: Während der Zeit der Unterdrückung und Willkür durch die kommunistische Diktatur in unserer Heimat wurde Nürnberg für manche von uns hier Anwesende ein sicherer Hafen, ein neues Zuhause. Dafür sind und bleiben wir Nürnberg und den Nürnbergern für alle Zeit in Dankbarkeit verbunden.

 

Doch keiner von uns ist gekommen, um mehr als das Ende der künstlerischen Unterdrückung zu suchen oder gar etwas zu erbitten. Und wir haben seitdem den Freiraum, den wir damals erhalten haben, Jahr für Jahr, Tag für Tag und Stunde für Stunde mit unserem Schaffen erfüllt. Zahlreiche Kunstwerke, die daraus entstanden sind, sind heute in vielen Ländern der Welt und zeugen von der fruchtbaren Verbindung von Nürnberg und Prag.

 

Doch damit dürfen wir es nicht belassen! Nie waren die Voraussetzungen für den schöpferischen Dialog zwischen Prag und Nürnberg, zwischen „Ost“ und West (beides in Anführungszeichen), viel versprechender als jetzt.

 

Darum lasst uns alle hier Anwesenden, das, was wir sind, was wir können und was wir zu geben in der Lage sind, einbringen, um dem „Prager Haus“ ein festes Gefüge zu verleihen. Dann können wir altehrwürdigen Traditionen eine dauerhafte Zukunft geben, ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnen und wie ein Leuchtturm mit dem Licht unserer Idee die Welt etwas heller, menschlicher und besser zu machen.

 

Doch lasst uns stets darauf achten, niemals Maß und Ziel zu verlieren, uns in Großmut und Toleranz zu üben, innehalten zu können, um unser Wollen und Tun kritisch zu hinterfragen, Mut und Demut als Tugenden zu erkennen und uns von unserer Begeisterung tragen lassen zu können, ohne ihr blindlings zu erliegen.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit, Ihre Aufmerksamkeit und Ihr großherziges Engagement!

 

Václav Gatarik                                                                      Rainer H. Kraus